Archiv · 2019 · Produktion 6 von 10

Burg Lügenschreck
Auf Burg Lügenschreck ist Ehrlichkeit ein Fremdwort – bis der freundliche Ritter Veritas seinem lügenden Bruder für einen Monat die Burg abnimmt und dem fein gesponnenen Netz aus Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.
Ensemble
12 MitwirkendeAuf der Bühne
Markus Schlaak
Ritter Lügenschreck
Heike Kresken
Knappe Mathes
Bärbel Hamacher
Gespenst Buhu
Bianca Althoff
Drache Balduin
Markus Bings
Ritter Veritas
Marion Reinders
Pferdezüchter
Sandra Bolten-Tillmanns
Rosemarie, Tochter des Pferdezüchters
Hinter der Bühne
Geschichte, Fotos & Video
Kapitel 1: Die Abreise
Auf Burg Lügenschreck herrschte helle Aufregung. Ritter Lügenschreck lief hektisch durch den Rittersaal und packte seine große Reisetruhe. Er warf wahllos Dinge hinein, holte sie gleich wieder heraus und suchte, als hätte er das Wichtigste vergessen.
„So, das brauche ich noch, und das hier … ach nein, das nicht“, murmelte er vor sich hin, während er einen Gegenstand achtlos beiseiteschleuderte. „Aber mein Schwert, das brauche ich natürlich! Das ist schließlich das Wichtigste. Wo steckt es bloß?“
Er brüllte nach seinem Knappen, so laut, dass es durch die ganze Burg hallte: „Mathes! Wo steckt nur dieser Trottel von Knappe, wenn man ihn mal braucht?“
Mathes kam angerannt, außer Atem. „Ja, mein Herr, Ihr habt gerufen?“
„Da ist ja endlich mein nerviger Knappe!“, schnaubte der Ritter ungeduldig.
„Verzeiht bitte“, entschuldigte sich Mathes. „Ich musste noch Balduin aus dem Kerker befreien. Buhu hat ihm mal wieder einen Streich gespielt und ihn eingesperrt.“
„Dieser dämliche Drache und dieses alberne Gespenst! Nur Nichtsnutze sind hier auf meiner Burg“, schimpfte Ritter Lügenschreck. „Und du bist leider auch nicht das, was ich von einem Knappen erwarte.“
Mathes senkte unterwürfig den Kopf. „Das tut mir leid, Ritter Lügenschreck! Sagt mir einfach, was ich tun kann, und ich werde es für Euch tun.“
„Na dann, hol mir mein Schwert! Ich habe es schon überall gesucht. Wahrscheinlich hat es mein dämliches Schlossgespenst mal wieder versteckt.“
„Nein, erinnert Ihr Euch nicht?“, sagte Mathes. „Der Schmied hat es gestern Abend zurückgebracht. Es liegt noch in der Waffenkammer. Es blitzt und blinkt und ist wieder super scharf.”
„Das will ich hoffen“, brummte der Ritter zufrieden. „Schließlich bezahle ich dem Schmied gutes Geld für seine Arbeit. Da erwarte ich auch das schärfste Schwert im ganzen Königreich.“
„Damit werdet Ihr bestimmt Eindruck auf dem großen Ritterturnier machen!“, schwärmte Mathes.
„Du sagst es“, rief Ritter Lügenschreck und zählte an den Fingern ab. „Meine Waffen sind die besten, ich bin der Schnellste auf dem Pferd, der Mutigste im Kampf und der Geschickteste im Bogenschießen. Ha, ich werde dieses Jahr das große Ritterturnier gewinnen, das kann ich dir versprechen!“
„Oh ja, gewiss, das glaube ich auch, mein Herr“, stimmte Mathes eifrig zu.
„Nicht glauben, Mathes – wissen!“, verbesserte ihn der Ritter. „Ich bin so gut vorbereitet, dass nur ich gewinnen kann. Ich zeig dir mal was.” Er holte seine Bogenausrüstung hervor. „Ich habe in meine Pfeile einen Magneten einbauen lassen, sodass ich ganz automatisch immer genau die Mitte der Scheibe treffe. Clever, was?“
„Aber … ich weiß nicht, das ist doch bestimmt nicht erlaubt“, wandte Mathes vorsichtig ein.
„Natürlich ist das nicht erlaubt, was denkst du denn?“, lachte Ritter Lügenschreck. „Die Kunst ist nur, sich nicht erwischen zu lassen. Lass dir gesagt sein” – er legte seinem Knappen väterlich den Arm um die Schulter – „wenn du jemals so ein erfolgreicher Ritter wie ich werden willst, musst du mit Tricks und Lügen arbeiten, um an dein Ziel zu kommen. Nur so kann man etwas auf dieser Welt werden. Vergiss das nie!“
„Nur mit Tricks und Lügen? Ja, das werde ich mir bestimmt merken, mein Herr“, versprach Mathes. „Apropos ans Ziel kommen: Ich bin doch nun schon so lange Euer Knappe. Wann werde ich denn endlich zum Ritter geschlagen?“
„Ach, mein Lieber, da musst du noch einiges lernen“, wich der Ritter aus. „Aber keine Sorge – wenn du dir immer ein Beispiel an mir nimmst, wirst irgendwann sogar du zum Ritter geschlagen. Aber jetzt ran an die Arbeit, pack meine Sachen und dann poliere meine Rüstung!“
Mathes nickte betrübt und machte sich wieder ans Packen, während der Ritter davonstolzierte.
Kurz darauf hörte man draußen ein Poltern. Das Gespenst Buhu, das ständig andere ärgerte und besonders gern seinen Freund, den Drachen Balduin, zum Opfer seiner Streiche machte, jagte diesen gerade mit einem Schwert vor sich her und wedelte drohend damit herum. Balduin hielt ein kleines Notizbuch fest hinter seinem Rücken versteckt.
„Los, gib es her!“, verlangte Buhu.
„Nein, Buhu! Das geht dich nichts an“, widersprach Balduin.
„Gib mir sofort das Notizbuch da!“
„Du kannst doch sowieso nicht lesen!“
„Und ob!“, prahlte das Gespenst. „Ich wurde schon mit drei Jahren eingeschult, weil ich schon im Kindergarten den anderen Kindern die Bücher vorgelesen habe. Und in der Schule war ich so ein guter Schüler, dass ich den Lehrer abgelöst und selbst meine Klasse unterrichtet habe!”
Balduin war unsicher, ob er angelogen wurde. „Wirklich? Ich glaub, du lügst … oder?“
Mathes, der gerade dazukam, tippte sich an die Stirn. „Natürlich lügt er. So ein Quatsch, selbst unterrichtet!“
„Natürlich stimmt das“, beharrte Buhu. „Außerdem war ich gleichzeitig auf der Ritterschule und habe dort gelernt, wie man den Schwanz eines Drachen stutzt. Und das geht mit so einem superscharfen Schwert ganz besonders gut. Also los, gib das Buch her!“
Balduin hielt ängstlich sein Hinterteil fest. „Bist du verrückt, das würdest du doch nicht wirklich tun?“
„Ach, jetzt hört doch auf“, schlichtete Mathes und nahm Buhu das Schwert ab. „Gib her, das muss ich ohnehin einpacken. Und im Übrigen solltet ihr mit euren albernen Streitereien aufhören. Ritter Lügenschreck hat mir gerade – ganz im Vertrauen natürlich – erzählt, dass ihr für ihn totale Nichtsnutze seid.“
„Ach wirklich? Und was ist mit dir?“, konterte Buhu, wenig beeindruckt.
„Ich natürlich nicht!“, erwiderte Mathes entrüstet. „Ritter Lügenschreck hat mir gerade noch gesagt, wie zufrieden er mit meiner Arbeit als Knappe ist und dass ich der beste Knappe bin, den er je hatte. Ich werde wohl sehr bald zum Ritter geschlagen, wisst ihr.” In Wahrheit war das ein wenig geschummelt, aber das behielt Mathes lieber für sich.
„Warum packst du eigentlich die ganzen Sachen ein?“, fragte Balduin.
„Mensch, bist du vergesslich“, seufzte Buhu. „Ritter Lügenschreck hängt uns doch schon seit Tagen mit seinem Ritterturnier in den Ohren.“
„Ja genau, er will gleich schon los, deshalb muss ich mich auch beeilen“, erklärte Mathes.
„Und wie lange wird er fort sein?“, wollte Balduin wissen.
„Das Turnier findet am anderen Ende des Königreichs statt, daher wird er sicherlich mindestens einen Monat weg sein.“
Buhu baute sich stolz vor den anderen auf. „Übrigens hat mir Ritter Lügenschreck für diese Zeit hier das Kommando übertragen!“
Mathes und Balduin blickten sich fragend an. „Wirklich, dir?“, fragte Mathes enttäuscht. „Ich dachte eigentlich, er würde mir …”
In diesem Moment kam Ritter Lügenschreck zurück ins Zimmer gestürmt. „So ein Unsinn, keiner von euch bekommt hier das Kommando“, stellte er klar und wandte sich an das Gespenst. „Wie kommst du auf so einen Blödsinn?“
„Naja“, gestand Buhu, „ich dachte, nur eine kleine Lüge, und schwupps müssten die beiden alles tun, was ich ihnen befehle.“
„Keine schlechte Idee, die beiden zu beschummeln, das muss man dir lassen“, lobte Ritter Lügenschreck anerkennend. „Denn ihr wisst ja: Nur mit Tricks und Lügen …“
„… kommt man an sein Ziel“, sagten alle drei wie aus einem Mund.
„Richtig, merkt euch das. Ich bin das beste Beispiel dafür“, verkündete der Ritter selbstverliebt, und die drei sahen ihn bewundernd an.
„So, jetzt muss ich aber los“, sagte er schließlich und schnappte sich seine Reisetruhe. „Ach ja, eins noch: Morgen wird mein Bruder anreisen. Er übernimmt das Kommando hier, solange ich weg bin. Er ist zwar leider nicht so streng und clever wie ich, aber ihr hört trotzdem auf ihn, verstanden?“
Mathes verbeugte sich leicht, Gespenst und Drache nickten, und der Ritter verschwand endgültig aus der Burg.
Am Abend saßen die drei noch einmal beisammen. „Ritter Lügenschreck ist wirklich der klügste Ritter, den ich kenne“, schwärmte Mathes.
„Spar dir die Lüge, bringt nichts, er hört dich eh nicht mehr“, spottete Buhu.
„Ich lüge doch gar nicht“, widersprach Mathes entrüstet. „Ich finde, er ist wirklich der klügste Ritter weit und breit. Schließlich wird er beim Ritterturnier alle mit seinen Tricks überlisten.“
„Na, ich weiß nicht, ob es wirklich richtig ist, das zu tun“, gab Balduin zu bedenken.
„Doch, klar, Ritter Lügenschreck muss es doch wissen.“
„Ja, stimmt vermutlich“, lenkte Balduin ein. „Bin schon gespannt, wie sein Bruder so sein wird.“
„Ich werde auf jeden Fall alles dafür tun, der beste Knappe zu sein, den er je gesehen hat“, erklärte Mathes entschlossen. „Wenn der eigene Bruder ein gutes Wort für mich einlegt, dann muss Ritter Lügenschreck mich einfach zum Ritter schlagen.“
„Naja, mal sehen“, meinte Buhu. „Aber jetzt lasst uns erstmal ins Bett gehen.“
Und so gingen die drei schlafen, jeder mit seinen eigenen Gedanken über den morgigen Tag.
Kapitel 2: Der neue Herr der Burg
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, betrat ein fremder Ritter die Burg und sah sich neugierig um. „Hallo, ist hier jemand? Hallo?“, rief er. Beim Umschauen stieß er versehentlich gegen einen Tisch, sodass etwas krachend zu Boden fiel. „Ach du je”, murmelte er und räumte alles wieder ordentlich auf.
Kurz darauf kam Mathes verschlafen hereingestürzt. „Buhu, was machst du für einen Krach, so früh am Morgen? Mensch, ich wollte endlich mal ausschlafen, solange Ritter Lügenschreck weg ist und wir hier allein …“ Da entdeckte er den fremden Ritter und stutzte. „Hä, wer bist du denn? Was fällt dir ein, einfach in unsere Burg einzudringen?“
„Entschuldige bitte, dass ich hier so einfach hereingeplatzt bin“, sagte der Fremde sehr freundlich und höflich. „Aber mein Bruder hat extra zu mir gesagt: ‚Bruder, reise bitte schon in den frühen Morgenstunden an, damit meine nichtsnutzigen’ – Entschuldigung, aber das hat er nun mal gesagt – ‚damit meine nichtsnutzigen Burgbewohner nicht die ganze Zeit faul im Bett liegen bleiben, während ich weg bin.’ Tja, das hat mein Bruder gesagt. Aber es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
„Ach so, stimmt, Ritter Lügenschreck hatte Euch ja angekündigt“, erinnerte sich Mathes. „Darf ich mich vorstellen: Ich bin Mathes, der Knappe des Burgherrn.“
„Ritter Veritas mein Name, sehr erfreut“, stellte sich der Fremde vor. „Ich hoffe, wir werden hier eine gute Zeit miteinander haben.“
„Mit Sicherheit“, versicherte Mathes und pries sich sogleich in den höchsten Tönen an. „Und solange Ihr hier seid, stehe ich ganz zu Eurer Verfügung. Wenn Ihr etwas braucht und es um wichtige Dinge geht, wendet Euch am besten nur an mich, denn – ganz im Vertrauen – die anderen Burgbewohner sind nicht so die hellsten Köpfe. Ich denke, ich bin der Einzige hier, der Euch wirklich von Nutzen sein kann.“
„Die anderen würde ich aber auch gern kennenlernen“, sagte Ritter Veritas unbeeindruckt. „Erzähl mal, wer wohnt alles auf der Burg?“
Mathes wirkte ein wenig genervt, weil er doch allein Eindruck bei dem neuen Ritter machen wollte, aber er fügte sich. „Na gut. Da hätten wir einmal unseren Drachen Balduin.“ Er rief laut nach ihm, und wenig später kam Balduin fröhlich hereingedüst.
„Guten Morgen, was gibt es denn?“, fragte er.
„Darf ich vorstellen: Balduin, der wohl gefährlichste Drache im ganzen Königreich“, verkündete Mathes.
Balduin wirkte alles andere als gefährlich, als er aufgeregt die Hand des Ritters schüttelte. „Freut mich außerordentlich, Euch endlich kennenzulernen. Herzlich willkommen hier auf Burg Lügenschreck!“
„Die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte Ritter Veritas ebenso freundlich.
„Und dann hätten wir da noch unser Schlossgespenst Buhu“, fuhr Mathes fort. „Aber wo der sich gerade rumtreibt, weiß ich nicht …“
„Höre ich da etwa meinen Namen?“, rief Buhu und kam herbeigeschwebt.
„Ja, komm schnell her, der Bruder von Ritter Lügenschreck ist da und will dich kennenlernen“, erklärte Balduin.
„Hallo Buhu, ich bin Ritter Veritas.“
„Veri … was?“
„Ve-ri-tas.“
„Was ist das denn für ein komischer Name?“
„Nein, das ist ein besonderer Name“, erklärte der Ritter. „Er bedeutet so viel wie ‚Wahrheit’ oder ‚Ehrlichkeit’. Schön, was?“
„Mhm“, machten die drei etwas skeptisch.
„So, und jetzt lasst uns mal an die Arbeit gehen. Mein Bruder hat mir so einiges aufgetragen, was wir erledigen sollen“, sagte Ritter Veritas und holte eine lange Liste hervor.
Kapitel 3: Der Pferdehandel
Vor der Burg studierte Ritter Veritas die Liste seines Bruders. „So, der erste Punkt lautet: zwei neue Pferde kaufen. Mein Bruder meinte, der Pferdehändler hier im Dorf hätte weit und breit die besten und schnellsten Pferde von allen zu verkaufen.“
„Ja, das stimmt, seine Pferdezucht ist über die Landesgrenzen hinaus berühmt und sehr begehrt“, bestätigte Mathes. „Ah, da kommt er ja.“
Der Pferdezüchter näherte sich mit einem kurzen Nicken als Gruß. „Meine Herren! Ich habe nicht viel Zeit, daher lasst uns schnell zur Sache kommen.“
„Ja, aber gern“, räusperte sich der Ritter. „Ich hätte da Interesse an einem Ihrer gut ausgebildeten Kampfrösser.“
„Oh ja, ich habe momentan zwei Prachtexemplare im Stall stehen“, berichtete der Pferdezüchter stolz. „Der eine Hengst hat kraftvolle Hinterbacken und starke Knochen, genau das Richtige für einen mutigen Ritter im Kriegseinsatz. Das andere Schlachtross ist nicht nur stark, sondern auch schnell, sodass es sowohl im Kampfeinsatz als auch bei Turnieren voll einsatzfähig ist.“
„Sehr gut, das wird meinem Bruder gefallen“, freute sich der Ritter. „Und was sollen die beiden Pferde kosten?“
„Da viel Arbeit dahintersteckt, die Pferde so zu trainieren und zu züchten, muss ich mindestens vier Goldsäcke verlangen.“
„Was, so viel?“, entfuhr es dem Ritter.
„Für jeweils ein Pferd!“
„Waas, zehn Goldsäcke?“, rief Mathes entsetzt und verrechnete sich dabei gehörig.
„Nein, Mathes, acht“, korrigierte der Ritter und der Knappe zählte verblüfft noch einmal an den Fingern nach. „Aber das ist immer noch zu viel! Mein Bruder hat gesagt, ich darf nicht mehr als drei seiner Goldsäcke für den Pferdekauf ausgeben. Was mach ich denn jetzt?“
Mathes nahm den Ritter beiseite und flüsterte: „Naja, Euer Bruder versteht sich sehr gut aufs Handeln, er hat den Preis immer nach unten ziehen können.“
„Naja, eigentlich ist der Preis fair“, überlegte der Ritter. „Der gute Mann hatte schließlich viel Arbeit mit den Pferden.“
„Na, was ist nun, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“, drängte der Pferdezüchter.
Mathes flüsterte dem Ritter zu: „Soll ich das vielleicht übernehmen? Ich habe Eurem Bruder schon oft beim Handeln zugesehen. Ich kriege das schon hin!“
„Mathes, da wäre ich dir sehr dankbar“, sagte der Ritter erleichtert. „Dann kann ich in der Zeit mit der Liste weitermachen.“ Und er ging davon.
Sobald er außer Hörweite war, sprach Mathes zu sich selbst: „Was hat Ritter Lügenschreck immer gesagt? Nur mit Tricks und Lügen kommt man weiter. Na gut, dann probier’ ich das jetzt auch mal.“ Er räusperte sich und wandte sich in geschäftigem Ton an den Pferdezüchter. „Nun, machen Sie mir nichts vor, ich war vor ein paar Tagen in Ihrem Stall, um mich vorab schon mal umzusehen. Ihre lahmen Gäule sind doch nicht mehr als ein Goldsack wert. Das eine Pferd humpelt leicht, und das andere hat so einen komischen Ausschlag – das ist bestimmt krank! Daher biete ich Ihnen zwei Goldsäcke an, aber mehr nicht!“
Mathes war ganz stolz auf seine vermeintlich geschickte Verhandlung.
Doch der Pferdezüchter durchschaute ihn sofort. „Mein lieber Knappe! Genau mit dem gleichen Trick hat mich Ritter Lügenschreck schon beim letzten Handel über den Tisch gezogen. Er hat mein Pferd absichtlich verletzt, damit es humpelt, und hat das andere mit Farbe angemalt, damit es aussieht, als hätte es Nesselfieber. Nein, nein, mein Lieber, ich lasse mich kein zweites Mal beschwindeln. Acht Goldsäcke, das ist mein letztes Wort!“
Mathes fiel regelrecht in sich zusammen. „Aber bitte, bitte! Können wir uns nicht irgendwie einigen? Ich will doch endlich auch ein Ritter werden, aber dazu kommt es nie, wenn ich nicht beweise, wie gut ich eine Burg führen kann!“
„Das ist nicht mein Problem! Und jetzt muss ich los“, erklärte der Pferdezüchter unbeeindruckt. „Da ich morgen auf Reisen gehe, werde ich meine Tochter Rosemarie vorbeischicken. Ihr könnt Ihr dann sagen, ob Sie die Pferde kaufen wollen oder eben nicht.“ Damit ging er.
„So ein Mist“, seufzte Mathes allein zurückgeblieben. „Wie soll ich denn jemals zum Ritter geschlagen werden, wenn ich nicht mal ein Pferd zu einem guten Preis einkaufen kann? Na gut, nicht aufgeben! Genau wie Ritter Lügenschreck muss ich mir eben weitere Lügengeschichten ausdenken, um endlich ein richtiger Ritter zu werden.“ Mit diesem Vorsatz verschwand auch er.
Kapitel 4: Geheimnisse kommen ans Licht
Unterdessen war Ritter Veritas mit Balduin unterwegs, um den nächsten Punkt der Liste abzuhaken. „Auf meiner Liste steht, dass du deine täglichen Drachenübungen machen sollst“, sagte er. „Weißt du vielleicht, was mein Bruder damit gemeint hat?“
„Ähm, ja“, stotterte Balduin verlegen. „Sowas wie Feuer weitspucken, gefährlich fauchen, meine Krallen schärfen und ein Wettlauf durch den Wald.“
„Ah, verstehe. Damit du fit bleibst und jederzeit die Burg vor allen Angriffen beschützen kannst, richtig?“
„Ähm, ja, genau deshalb“, stammelte Balduin kleinlaut.
„Wirklich sehr praktisch, dich als Beschützer hier zu haben“, lobte Veritas. „Schließlich weiß doch jedes Kind, dass ein Drache stärker und mutiger ist als alle Menschen und Tiere zusammen.“
„Ja genau, das weiß ja jeder …“, murmelte Balduin, nun noch kleinlauter.
„Ich für meinen Teil muss ehrlich zugeben, dass ich zuerst dachte, du wärst ein ganz friedliebender Drache, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde.“
Balduin versuchte verzweifelt, seine Drachenehre zu retten. „Oh nein, überhaupt nicht. Ich bin total kampfeslustig, ehrlich! Am liebsten jage ich gefährlichen Räubern hinterher und entfache riesige Waldbrände!“
„Tja, so kann man sich täuschen“, schmunzelte der Ritter. „Jedenfalls schön, dass du so ehrlich mit mir sprichst.“
„Ehrlich, wieso ehrlich? Ähm, ich meine, ja genau, das war die ganze Wahrheit über mich“, beeilte sich Balduin zu sagen.
„Schön. Dann will ich dich auch gar nicht länger von deinen gefährlichen Drachenübungen abhalten. Aber halt dich ein bisschen zurück, sonst kriegt noch das ganze Dorf Angst vor dir.“ Mit einem Zwinkern verabschiedete sich der Ritter.
Kaum war er außer Sichtweite, seufzte Balduin schwer. „Oje, wenn der wüsste, dass ich in Wahrheit der ungefährlichste Drache im ganzen Königreich bin, würde er mich doch hochkant aus der Burg werfen. Ich habe es bis heute nicht mal geschafft, auch nur eine Kerze zum Brennen zu bringen.“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Ritter Lügenschreck und den anderen konnte ich bisher immer etwas vorspielen – ich habe mir einfach ein paar Streichhölzer zu Hilfe genommen, clever, was?“ Ein wenig kicherte er über sich selbst, wurde dann aber wieder ernst. „Aber Ritter Veritas ist irgendwie ganz anders als sein Bruder, der interessiert sich ja wirklich für uns. Hm, ich hoffe, er kommt nicht hinter mein Geheimnis!“ Grübelnd machte er sich auf den Weg.
Nicht weit davon entfernt schlenderte das Gespenst Buhu gelangweilt umher. „Puh, ist mir langweilig. Mal wieder absolut nichts los hier!“ Er lief unruhig hin und her, zündete schließlich eine Kerze an – und da kam ihm plötzlich eine Idee.
„Hilfe, Hilfe, Feuer, Feuer!“, schrie er aus Leibeskräften. „Hört mich denn keiner? Feuer – Hilfe!”
Sofort kamen alle Burgbewohner panisch herbeigerannt, Mathes und Balduin schnappten sich hastig Eimer und Gießkanne. Ritter Veritas sah sich hektisch um. „Wo ist das Feuer denn? Etwa in der Scheune? Dann müssen wir schnell die Tiere rausholen, los, sag schon, wo brennt es?“
Da brach Buhu in schallendes Gelächter aus. „Hahaha, eure Gesichter sind einfach zu schön! Es brennt doch gar nicht!“
Mathes und Balduin winkten verärgert ab. „Immer der mit seinen blöden Streichen!“, schimpfte Balduin. „Ja, langsam musst du dir mal was Neues einfallen lassen”, pflichtete Mathes bei. Die beiden zogen sich zur Seite zurück – Mathes, um Rüstung und Sattel zu polieren, Balduin, um gedankenversunken in seinem Buch zu schreiben.
„So lange ihr noch so schön drauf reinfallt, muss ich mir gar nichts Neues einfallen lassen“, freute sich Buhu und klopfte dem Ritter auf die Schulter. „Und du bist auch ganz schön drauf reingefallen, was?“
„Ich finde das überhaupt nicht lustig“, sagte Ritter Veritas ernst.
„Ach, nein?“, fragte Buhu, sein Lachen versiegend.
„Nein, ganz und gar nicht. Das war absolut falsch, was du da gemacht hast. Du hast gelogen – in Wahrheit ist nirgendwo ein Feuer ausgebrochen!“
„Naja, schließlich habe ich wirklich ein Feuer gesehen“ – er deutete auf die Kerze – „und das habe ich einfach mal laut durch die Gegend geschrien. Genau genommen habe ich also gar nicht gelogen“, versuchte sich Buhu herauszureden.
„Oh doch! Schlimm genug, dass du uns einen riesigen Schrecken eingejagt hast. Aber damit nicht genug, denn wie mir scheint, machst du solch einen Scherz nicht zum ersten Mal. Hast du dir eigentlich mal überlegt, was bald passieren könnte?“
„Nö, was denn?“
„Stell dir mal vor, die Burg fängt tatsächlich einmal Feuer, du siehst es als Erster und schreist lauthals ‚Feuer’. Was, glaubst du, wird dann passieren?“
„Na, ihr kommt angerannt wie immer, nur mit dem kleinen Unterschied, dass wir dann wirklich ein Feuer löschen müssen.“
„Nein, falsch. Dann wird nämlich niemand mehr kommen, weil dir niemand mehr glauben wird! Alle werden denken, dass du uns nur wieder einen Streich spielst.“
„Wirklich?“, überlegte Buhu nachdenklich. „Ach so, mh.”
„Also merk dir: Wenn du immer wieder schwindelst, glaubt dir irgendwann niemand mehr. Und das ist dann nicht nur sehr traurig, sondern kann sogar richtig gefährlich werden.“
Sichtlich betrübt schlich Buhu davon.
Kapitel 5: Die Lügen holen alle ein
Wenig später traf Ritter Veritas erneut auf Balduin, der schnell sein Buch zuklappte und sichtlich ertappt wirkte, als der Ritter näherkam. „Balduin, bist du eigentlich mit deinen Drachenübungen fertig?“
„Ähm, jaja, aber natürlich!“, beeilte sich Balduin zu sagen und warf hastig seinen Stift beiseite.
„Was hast du denn da aufgeschrieben?“, wollte der Ritter wissen und deutete auf das Buch.
„Ich? Ach nichts, nichts. Das ist nur so eine Liste, ähm, in der steht, wie viele Räuber ich schon weggejagt habe“, log Balduin.
„Gut, dann kannst du gleich noch ein paar dazuschreiben“, sagte der Ritter. „Die Wachen haben mir nämlich eben gemeldet, dass sich im Wald meines Bruders einige Räuber tummeln. Bitte geh in den Wald und jage sie fort.“
Balduin erschrak zutiefst. „Waas? Sind das so richtig echte Räuber?“
„Ja, natürlich sind das echte Räuber. Und du weißt, in der Höhle im Wald, hinter dem Schummelberg, bewahrt mein Bruder seine Schätze auf. Nicht, dass die Räuber die Höhle noch entdecken und ausrauben. Also bitte geh schnell und jage die Räuber fort.“
„Hm, also“ – Balduin räusperte sich verlegen – „ich habe plötzlich solche Halsschmerzen und einen ganz schlimmen Hustenreiz.“ Er hustete demonstrativ.
In diesem Moment kam Rosemarie, die Tochter des Pferdezüchters, dazu. „Guten Tag allerseits!“
Der Ritter war sichtlich entzückt. „Oh, einen schönen guten Tag, wertes Burgfräulein. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Also, erstens bin ich gar kein Burgfräulein, sondern einfach nur Rosemarie, die Tochter des Pferdezüchters“, stellte sie klar. „Mein Vater sagte mir, ich solle heute auf die Burg kommen, damit wir den Vertrag über die zwei Pferde abschließen können.“
„Ach ja, er hatte Sie angekündigt. Mathes, hast du mal einen Moment?“ Der Ritter rief nach seinem Knappen, dem sofort unbehaglich wurde, als er die junge Frau erblickte.
„Du hattest das ja schon alles mit dem Pferdezüchter geregelt, oder?“, fragte der Ritter. „Hast du ihn auf drei Goldsäcke runterhandeln können?”
„Ähm, also, ja, weißt du …“, stammelte Mathes.
Da hustete Balduin wieder ganz schrecklich, und Rosemarie wandte sich besorgt ihm zu. „Ach du je, was ist denn mit dir los? Das hört sich aber gar nicht gut an.“ Sie begutachtete den Drachen genauer und wandte sich dann an den Ritter. „Sie erlauben doch, dass ich mir Ihren Drachen mal genauer ansehe? Gerade geht nämlich ein furchtbares Virus um. Unsere Pferde konnte ich alle schon dagegen behandeln, aber wenn man nicht rechtzeitig die richtige Medizin verabreicht, kann es gefährlich werden.“
„Ach wirklich? Naja gut, Räuber hin oder her, aber deine Gesundheit ist natürlich wichtiger“, entschied der Ritter.
„Danke, Ritter Veritas“, sagte Balduin sichtlich erleichtert.
„Na dann, lass dich mal untersuchen“, sagte Rosemarie und nahm sich Balduin zur Seite.
Der Ritter wandte sich wieder Mathes zu. „Also, wie sieht’s aus? Was konntest du mit dem Pferdehändler aushandeln?“
Mathes zögerte kurz, dann log er weiter: „Also … ja, ähm, was konnte ich aushandeln? Tja, also, ich konnte ihn selbstverständlich davon überzeugen, dass wir für seine zwei Pferde nicht mehr als drei Goldsäcke ausgeben werden!“
„Wirklich? Super! Ich glaube, das hätte ich nie geschafft“, staunte der Ritter. „Jetzt weiß ich, warum mein Bruder dich schon so viele Jahre als Knappen hält – du bist wirklich die beste Hilfe, die er haben kann! Ich werde ihm auf jeden Fall davon berichten, was für ein vorbildlicher Knappe du bist.“
„Oh, prima“, sagte Mathes und dachte bei sich: Dann geht mein Plan ja doch noch auf, und ich werde bestimmt ganz bald zum Ritter geschlagen.
Rosemarie kam inzwischen von ihrer Untersuchung zurück. „Also, die Lunge des Drachen hört sich wirklich nicht gut an. Ich würde ihm strenge Bettruhe empfehlen, dann geht es ihm morgen sicherlich besser.“
Balduin war sichtlich erleichtert, nun eine Ausrede zu haben, doch dann fiel ihm etwas ein. „Aber was ist jetzt mit den Räubern?“
„Die Räuber sind jetzt nicht so wichtig. Du ruhst dich erstmal aus, du Armer“, sagte der Ritter und nahm ihn liebevoll in den Arm.
„Danke, Ritter Veritas, du bist so lieb zu mir!“
„Dann kommen Sie, Rosemarie, kümmern wir uns um die Bezahlung der Pferde“, sagte der Ritter und klopfte Mathes im Vorbeigehen noch einmal anerkennend auf die Schulter. Doch dem Knappen war anzusehen, dass er langsam ahnte, dass die Sache kein gutes Ende nehmen würde, wenn seine Lügengeschichte gleich herauskam.
Kaum waren die beiden gegangen, brach es aus Mathes heraus. „Oh je, was habe ich da nur getan? Jetzt wird alles rauskommen.“
„Ja, das befürchte ich auch“, meinte Balduin, der an seine eigene Lüge dachte. „Moment mal, was soll denn bei dir rauskommen?“
Mathes war hin- und hergerissen, musste es aber endlich loswerden. „Na, ich hab … ach, ich hab gelogen. Ich hab mich mit dem Pferdezüchter überhaupt nicht einigen können. Und wenn Ritter Veritas jetzt gleich die Pferde bei dieser Rosemarie bezahlen will, wird alles rauskommen! Dann flieg ich mit Sicherheit hochkant aus der Burg.“
„Mh, genau wie ich“, gestand Balduin traurig. „Wenn diese Räuber im Wald nicht wie durch Zauberhand von selbst verschwinden, wird auch rauskommen, dass ich gar kein richtiger Drache bin.“
Mathes verstand nicht ganz. „Hä, wieso? Natürlich bist du ein Drache.“
„Ja schon, ich sehe aus wie ein Drache, aber in Wahrheit bin ich gar nicht mutig, stark und furchteinflößend. Und Feuer spucken kann ich bis heute nicht.“
„Das ist ja ein Ding. Aber warum hast du denn nie etwas gesagt?“
„Ich hatte Angst, dass ihr mich sonst nicht hier haben wollt“, gestand der Drache. „Ritter Lügenschreck wollte nur einen bösen Drachen auf seiner Burg haben, also hab ich immer nur so getan, als wär ich super mutig.“ Kleinlaut fügte er hinzu: „Aber in Wahrheit schreib ich viel lieber Gedichte, weißt du.“
„Echt, Gedichte?“, kicherte Mathes. „Ach, verstehe, deshalb schleppst du überall dieses Buch mit dir rum. Tja, und was machen wir beide jetzt?”
„Ich weiß auch nicht. Ritter Veritas wird unsere Geheimnisse wohl gleich herausfinden.“
Kapitel 6: Der Wald hinterm Schummelberg
In diesem Moment kam Buhu strahlend hereingeschwebt und lachte sich kaputt. „Haha, es hat tatsächlich schon wieder geklappt!“
„Was denn?“, fragten Mathes und Balduin gleichzeitig.
„Ich hab Ritter Veritas und dieser Frau erzählt, dass im Wald ein Feuer ausgebrochen wäre. Sie haben noch irgendwas von Räubern gefaselt, keine Ahnung, was das bedeuten sollte, und dann sind sie sofort losgerannt. Von wegen, es glaubt mir keiner mehr – da lag Ritter Veritas wohl falsch. Voll reingefallen!“
Buhu war sichtlich stolz auf seinen Streich, doch Balduin und Mathes waren entsetzt, sauer und sorgenvoll zugleich.
„Hast du sie eigentlich noch alle!“, empörte sich Balduin. „Du hast gelogen, schon wieder! Zum tausendsten Mal, reicht es jetzt nicht endlich mal?”
„Ja, das hat Ritter Veritas wirklich nicht verdient“, stimmte Mathes zu. „Er ist doch immer so nett zu uns, viel netter als sein Bruder Lügenschreck.“
„Pah, das müsst ihr gerade sagen“, konterte Buhu. „Ich hab gehört, worüber ihr gesprochen habt. Ihr seid doch nicht besser und habt den Ritter ebenfalls von vorne bis hinten belogen!“
Beide wirkten daraufhin ziemlich geknickt. Dann fiel Balduin plötzlich etwas ein. „Moment mal, was hast du noch gleich gesagt? Wohin sind die beiden gelaufen, weil dort angeblich ein Feuer ausgebrochen ist?“
„Na, in den Wald“, antwortete Buhu.
„Und wo genau?“, drängte Balduin aufgeregt.
„Ich hab erzählt, es würde hinterm Schummelberg brennen, gleich hinter der Schatzhöhle von Ritter Lügenschreck.“
Balduin und Mathes erstarrten. „Oh nein!“
„Wieso, was ist denn?“, fragte Buhu verständnislos.
„Genau da haben die Wachen gerade Räuber gesichtet“, erklärte Mathes.
„Ja, die, die ich eigentlich verjagen sollte!“, rief Balduin aufgeregt.
„Wer weiß, wie gefährlich die sind?“
„Wir müssen schnell hinterher, bevor Ritter Veritas ihnen direkt in die Arme läuft!“
Die beiden liefen bereits los, als Buhu erschrocken begriff: „Oh Mist, Ritter Veritas hatte wohl doch recht. Zu lügen ist nicht nur falsch und gemein, manchmal kann es sogar richtig gefährlich werden. Wartet, ich komme mit!“ Und auch er eilte hinterher, hinaus in den Wald.
Ganz außer Atem kamen die drei schließlich zwischen den Bäumen an. Weit und breit war keine Spur von Ritter Veritas zu sehen – bis Buhu am Boden eine Perlenkette entdeckte und sie aufhob.
„Oh Mist, die Räuber haben die Schatzkammer von Ritter Lügenschreck anscheinend gefunden“, stellte er fest.
„Aber wo stecken nur Ritter Veritas und Rosemarie?“, fragte Balduin besorgt.
Da hörten sie plötzlich Stimmen. „Au, au, das tut weh!“, klagte der Ritter irgendwo ganz in der Nähe.
„Halten Sie schon still, sonst kann ich Sie nicht richtig verarzten“, erwiderte Rosemarie, und die beiden kamen den anderen entgegen. Der Ritter war leicht verletzt.
„Oh nein, Ihr seid verletzt“, rief Balduin und lief sofort zu ihm.
„Ritter Veritas, was ist bloß passiert?“, fragte Mathes entsetzt.
„Oh nein, das bin alles ich schuld, es tut mir so leid!“, jammerte Buhu.
„Ja, Buhu, was fällt dir eigentlich ein, uns in die Arme der Räuber laufen zu lassen!“, schalt Rosemarie recht ärgerlich. „Sieh dir an, was sie mit Ritter Veritas angestellt haben!”
„Aber ich wusste doch gar nichts von den Räubern, ich wollte doch nur …“, verteidigte sich Buhu.
„Ja? Du wolltest nur …?“, hakte Rosemarie herausfordernd nach.
Buhu senkte kleinlaut den Kopf. „Ich wollte nur – naja, euch veräppeln, und da hab ich euch diesen Quatsch vom Feuer erzählt, damit ich mich darüber lustig machen kann.“
„Aha, du hast uns also angelogen, nur damit du uns ärgern kannst?“
„Hm, ja, das war ganz schön blöd“, gestand Buhu ein. „Und diesmal ist der Spaß ja wirklich schiefgegangen.“ Er deutete auf die Verletzungen des Ritters. „Glaubt mir, jetzt hab ich es wirklich verstanden und mache sowas nie wieder.“
„Das ist gut“, sagte der Ritter mild.
Rosemarie wandte sich nun Balduin zu. „Und du, Balduin, du scheinst in Wirklichkeit gar nicht krank zu sein. Wieso hast du die Räuber nicht verjagt, so wie es die Aufgabe eines Burgdrachen ist?“
„Naja“, gestand Balduin kleinlaut, „auch ich hab euch belogen. Ich bin gar nicht mutig und stark, und Feuer spucken kann ich auch nicht. Ehrlich gesagt schreib ich viel lieber Gedichte.“
„Aber warum hast du das nicht direkt gesagt?“, fragte der Ritter erstaunt. „Dann hätte ich doch irgendwelche Wachen zu den Räubern schicken können, wenn ich das gewusst hätte.”
„Ich hatte einfach Angst, dass ihr mich dann nicht mehr mögt.“
„Aber Balduin, wir mögen dich so, wie du bist, ob mit Feuerspucken oder ohne!“, versicherte Mathes.
„Wirklich?“, freute sich Balduin. „Das ist aber schön!”
Nun blickte Rosemarie zu Mathes. „So, und jetzt noch zu dir! Wie konntest du behaupten, du hättest meinen Vater auf drei Goldsäcke runtergehandelt?“
Mathes hielt sich verlegen die Hände vors Gesicht. „Ich wollte einfach so unbedingt zum Ritter geschlagen werden, dass ich immer wieder durch Lügengeschichten versucht habe, besser dazustehen.“ Dann sah er zu Ritter Veritas. „Ich hab halt immer nur Ritter Lügenschreck als Vorbild gehabt, aber jetzt weiß ich, dass du das viel bessere Vorbild für einen Ritter bist: Du bist …“
„… anständig“, ergänzte Buhu.
„… mutig“, fügte Balduin hinzu.
„… tapfer“, sagte Rosemarie.
„… und ehrlich“, schloss Mathes.
Ritter Veritas war sichtlich gerührt und geschmeichelt. „Oh, vielen Dank, das ist nett, dass ihr das sagt. Ihr seid aber auch …“
Doch weiter kam er nicht, denn in diesem Moment stürmte Ritter Lügenschreck selbst herbei, wutentbrannt und außer sich.
Kapitel 7: Zwei Brüder, zwei Wege
„… ihr seid solche Nichtsnutze! Ein Haufen Vollidioten!“, polterte Ritter Lügenschreck los. „Da komm ich früher vom Ritterturnier nach Hause, will meine Goldschätze nachzählen und muss feststellen, dass eine Perlenkette fehlt.”
„Nein, sie ist nicht weg, sie ist hier“, sagte Buhu und hielt die gefundene Kette hoch. „Die Räuber haben sie wohl auf der Flucht verloren.“
„Räuber, welche Räuber?“, fragte Ritter Lügenschreck entsetzt.
„Die, die Euer mutiger Bruder verjagt hat!“, erklärte Balduin.
„Was, du? Das ist doch die Aufgabe von Balduin. Was war denn hier bloß los, als ich weg war?“
„Ach, Bruder, das ist eine lange Geschichte“, winkte Ritter Veritas ab. „Aber erzähl du erst mal, was machst du denn schon wieder hier?“
„Ach, das Turnier war ein Reinfall!“, knurrte Ritter Lügenschreck. „Irgendjemand hat meine gezinkten Pfeile entdeckt und mich verpfiffen. Da haben sie mich hochkant rausgeschmissen und gesagt, ich dürfe nie wieder an einem Ritterturnier teilnehmen. Angeblich darf man als Ritter keine Tricks anwenden.” Er tippte sich verächtlich an die Stirn.
„Was hast du denn gedacht?“, fragte Rosemarie. „Natürlich sollte ein wahrer Ritter nur auf ehrliche Weise ein Turnier gewinnen.”
„Das find ich auch“, pflichtete Balduin bei.
„Genau“, ergänzte Buhu. „Aber nicht nur ein Ritter muss immer ehrlich sein, auch jeder andere sollte immer die Wahrheit sagen!“
„Du meine Güte! Bruder, was hast du mit denen gemacht, als ich weg war?“, fragte Ritter Lügenschreck fassungslos.
„Nichts, er war einfach er selbst, ehrlich und freundlich zu jedem, und damit ein viel besseres Vorbild, als du es warst“, erklärte Rosemarie ruhig.
„Das ist ja unerhört! Das lass ich mir nicht gefallen. Los, kommt, wir gehen“, befahl Ritter Lügenschreck und wollte seine Burgbewohner mit sich fortführen.
Doch die drei sahen sich nur an, wechselten einen kurzen, wortlosen Blick – und waren sich sofort einig.
„Nein, wir kommen nicht mit“, sagte Mathes bestimmt.
„Genau“, sagte Balduin. „Wir haben genug von Burg LÜGENschreck.“
„Wir bleiben lieber bei Ritter Veritas“, schloss Buhu.
Ritter Lügenschreck geriet fast außer sich vor Wut. „Wie bitte? Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Aber bitte, macht doch, was ihr wollt!“ Er riss dem Drachen die Kette aus der Hand und stapfte wutschnaubend davon.
Ritter Veritas blickte gerührt in die Runde. „Ihr wollt also bei mir bleiben?“
„Naja, natürlich nur, wenn du das auch möchtest?“, fragte Balduin vorsichtig.
„Aber klar!“ Der Ritter nahm alle liebevoll in den Arm. „Aber nur unter einer Bedingung.“ Alle schauten ihn gespannt an. Er sah Balduin an. „… wenn du über diese ganze Geschichte hier ein Gedicht schreibst!“
Es wurde geschmunzelt und gelacht, und der Drache war freudig gerührt. „Aber sehr gerne. Was haltet ihr von folgendem Anfang?“
Nicht weit entfernt war Ritter Lügenschreck neugierig noch einmal zurückgeschlichen, denn das wollte er schließlich auch mitbekommen. Doch was er da zu hören bekam, gefiel ihm gar nicht.
Balduin begann leise vorzutragen:
Dies ist die Geschichte, die uns alle lehrt, zu lügen und betrügen ist ganz schön verkehrt. Denn mit Lug und Trug und falschen Tricks hat man am Ende einfach nix.
Bei diesen Worten warf Balduin einen Seitenblick auf Ritter Lügenschreck, den er damit schließlich meinte. Dieser schüttelte nur grimmig den Kopf und verließ die Gruppe nun endgültig, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Balduin fuhr fort:
Doch wir Burgbewohner wissen nun, ganz genau, was wir jetzt tun. Immer ehrlich sein zu dir und mir, das lasst uns feiern – jetzt und hier!
Alle lachten und freuten sich, und Ritter Veritas nahm noch einmal alle fest in den Arm. Von diesem Tag an lebten Mathes, Balduin und Buhu glücklich auf der Burg, die schon bald nicht mehr Burg Lügenschreck, sondern Burg Wahrheit genannt wurde – denn sie hatten gelernt, dass Ehrlichkeit auf Dauer viel weiter trägt als jede noch so clevere Lüge.
Für diese Produktion liegt noch kein Video vor.
Presse
Rheinische Post12. Oktober 2019
Rittertheater um Lug, Betrug und Wahrheit
Die auf Burg Lügenschreck lebenden Menschen und fantastischen Gestalten fesselten die Aufmerksamkeit der rund hundert Grundschüler, die während der Aufführung immer wieder miteinbezogen wurden.
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BEECK Die Schülerinnen und Schüler der Grundschule am Beeckbach bezeugten durch staunende Ausrufe und immer wieder durch schallendes Gelächter, was ihnen am neuen Theaterstück „Ritter Lügenschreck“ der Gruppe „Beeckbach-Bühne“ besonders gut gefiel. So waren sie im ersten Akt von der Kulisse mit Burgmauer, Zinnen, Ritterkleidung und Waffenkorb begeistert. Oder sie lachten herzhaft, als der gutmütige Ritterbruder „Veritas“ nach dem Hahnkrähen im Dunkeln hinfiel und Knappe Matthes über ihn stolperte. Es war das 6. Theaterstück, das die ehemalige Eltern des Beecker Kindergartens „St. Vincentius“ und Erzieherin Bärbel Hamacher in kompletter Eigenleistung auf die Bühne im Haus St. Vincentius mit vier Aufführungen stellten.
Erstmals waren Kinder der „Paul-Moor-Schule“ aus Mönchengladbach zu Gast, seit zwei Jahren sind auch die Grundschüler der Erich Kästner Schule Wegberg dabei, erzählte Autorin und Regisseurin Monique Jungbluth. Zur vierten Vorstellung am Nachmittag waren Freunde und Anwohner eingeladen. „Wir möchten das Theater gerne weiter anbieten“, beschrieb sie die über die Kindergartenjahre hinausreichende große Motivation der kreativen Aktiven, „und es ist vom Kindergarten- bis zum Schulkind für jeden etwas dabei.“ Das neue Stück sei wieder lustig und schön und beinhalte eine kleine Botschaft. Diese war für die jungen Zuhörer am Ende des Stücks sehr klar. Vorher verfolgten sie aber mit ihren Lehrerinnen gespannt, was sich auf der Burg ereignete. Dort wohnte Ritter Lügenschreck zusammen mit dem Knappen Matthes, einem Schlossgespenst und Drachen Balduin. Als er wegen eines Ritterturniers für einen Monat verreiste, übertrug er seinem Bruder Veritas die Verantwortung. Dieser tritt im Gegensatz zu seinem lügenden, tricksenden und herrischen Bruder wahrheitsliebend und freundlich auf. Nach und nach stellten sich Menschen, Drache und Geist zwischen oder später vor den Burgmauern vor. Dabei hüteten alle bisherigen Bewohner ihre eigenen Geheimnisse. Der Knappe in standesgemäßer Kleidung log wie sein Herr, in der Hoffnung, zum Ritter geschlagen zu werden. Herzallerliebst zog der lispelnde Drache Balduin mit seinem Buch in der Hand die Sympathien auf sich: Wie sich während des Aufenthalts des guten Bruders herausstellte, war er weder mutig, noch konnte er Feuer spucken. Und das Schlossgespenst „veräppelte“ die anderen mit funkelnden Augen für sein Leben gern – es brachte Veritas und eine Pferdehändlerin in große Gefahr, da sie wegen einer Lügengeschichte in die Fänge von Räubern gerieten. War zunächst die Burg Ort des Geschehens, zeigten später aufgestellte Tannenbäume und ein gemalter Wald die Umgebung an. Die Szenen wurden um Lieder ergänzt, welche entweder die Schauspieler oder Kerstin Schockert in gekonnter Weise vortrugen und mit denen sie die Handlung erklärten oder erweiterten.
Von Beginn an ging die Schauspiel-Gruppe auf Fragen und Einwürfe ihres jungen Publikums ein und integrierten die Gedanken geschickt ins Geschehen. Ebenso sollten die Kleinen für eine authentische Geräuschkulisse an einigen Stellen sorgen – wie ein Gespenst heulen oder wie ein Drache fauchen. Zudem sangen sie mal im Refrain mit oder klatschten rhythmisch im Takt. Die Botschaft am Ende war klar: Das vorherige Motto der Burg-Crew, „Mit Lügen und Tricks kommt man an sein Ziel“, wandelte sich durch den guten Ritter zur Erkenntnis „Ehrlich sein ist gut!“ Dieser war einfach er selbst geblieben.
Eine kreative Aktiven-Truppe: Autorin und Regisseurin Monique Jungbluth, Lieder Kerstin Schockert, Technik Dirk Ullendahl, Schauspieler Eltern und Erzieherin Bärbel Hamacher.
Nicole Peters










